Aurie und die Freundschaft


Aurie saß unter ihrem Apfelbaum und drehte nachdenklich einen Grashalm zwischen ihren Fingern. Sie hatte in den letzten Wochen sehr häufig die Übung gemacht, die ihr Noah gezeigt hatte, um zu einem Symbol des Friedens zu werden. Sie hatte ein tiefes Bedürfnis danach, ihr Licht in die Welt strahlen zu lassen und diese tiefe Stille in sich zu teilen. Ihr fiel auf, dass sie im Alltag immer wieder dem Blick von Leuten begegnete und sich in einem kurzen gemeinsamen Innehalten ein Lächeln entfaltete. Eine stille Begegnung, ohne Worte, und doch in großer Tiefe. Auch in ihrer Familie bemerkte sie eine Veränderung: ihre Eltern, die oft sehr gestresst und in Hektik waren, stellten sich häufig zu ihr und umarmten sie still, hielten sie einfach fest und blickten mit ihr aus dem Fenster in den Garten. Ein kurzes Innehalten, bevor sie mit einem liebevollen Kuss auf ihren Kopf wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Aurie freute sich sehr darüber.

 

Sie bemerkte aber in den letzten Wochen auch, dass sich ihre Freundschaft mit Lisa veränderte. Obwohl sie sich ausgesprochen hatten und der Streit behoben war, begannen sie sich auseinanderzuleben. Lisa hatte andere Interessen: sie begann sich zu schminken, war in einer Mädels-Clique, die sich über gleiches Aussehen definierte, begann bei ihrem Alter zu schummeln, wenn sie jemand fragte. All das irritierte Aurie, denn das war nicht die Lisa, die sie kannte. Sie spürte, dass Lisa sich nach der Anerkennung der Clique sehnte und oft hin- und hergerissen war, wenn Aurie zurückblieb. Denn Aurie wollte da nicht mitmachen. Sie wollte gerne selbst entscheiden, was sie anziehen wollte und sie wollte auch nicht lügen. Aurie seufzte. Wenn Lisa und sie noch Zeit miteinander fanden, was immer seltener wurde, dann merkten beide, dass die Leichtigkeit, die sie früher miteinander hatten, verschwand. Traurig blickte sie vor sich hin und brach einen neuen Grashalm ab, den sie zwischen ihren Fingern drehte.

 

„Freundschaften sind immer abhängig von Deiner eigenen Entwicklung, Aurie.“ hörte sie da Noah sagen und sah ihn vor sich auftauchen.

Sie blickte nachdenklich in sein gelb-orangenes Strahlen und merkte, wie sich Ruhe in ihr ausbreitete.

„Was meinst Du damit?“ fragte sie.

„Jeder Mensch hat ein Energiefeld. Darüber haben wir schon oft gesprochen. Erinnere Dich: Du entscheidest, welche Energie Du in die Welt ausstrahlen möchtest. Je nachdem, wie die Menschen sich weiterentwickeln, verändert sich ihr Energiefeld. Energien treten in Resonanz miteinander. Wenn sie sich verändern, verändert sich auch die Resonanz. Erinnere Dich an das Gesetz der Anziehung, das ich Dir erklärt habe. Dadurch, dass Du mit Dir selbst arbeitest, Aurie, und sich Deine Schwingung verändert, verändert sich auch das, was Du anziehst. Dein Energiefeld und das von Lisa passen nicht mehr zusammen, ihr seid weniger in Resonanz.“ erklärte ihr Noah.

„Ja, das habe ich deutlich gemerkt.“ nickte Aurie.

„Bewerte es nicht, Aurie.“ Noah sah sie liebevoll an. „Jeder geht seinen eigenen Weg und trifft seine eigenen Entscheidungen. Was für Dich passt, muss nicht für Lisa passen und umgekehrt.“

Aurie seufzte.

 

„Weißt Du Noah,“ sagte sie nach einer Weile. „mit meiner Freundin, die weggezogen ist, ist das ganz anders. Ich sehe sie viel seltener. Aber wenn wir miteinander telefonieren oder uns in den Ferien sehen, dann ist das, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen. Und selbst, wenn wir nicht aktiv miteinander reden und ich nur an sie denke, dann spüre ich sie ganz nah bei mir.“

„Ist die Freundschaft mit ihr noch genauso wie sie war, bevor sie wegzog?“ fragte sie Noah.

„Nein, sicherlich nicht. Früher wussten wir alles übereinander, weil wir uns täglich gesehen haben. Jetzt kriegen wir natürlich nicht mehr alles so genau mit. Und jeder hat auch andere Freunde. Aber mir ist bewusst, warum sie mir so wichtig ist. Die Zeit, die wir miteinander haben, schätze ich so sehr. Und wir geben uns beide Raum, keiner verlangt vom anderen, irgendwie sein zu müssen. Ich kann wirklich so sein, wie ich bin. Und sie ist fast die einzige, mit der ich auch darüber reden kann, was ich mit Dir lerne und was das in meinem Leben verändert.“ Aurie wurde wieder nachdenklich. „Mit Lisa kann ich das nicht mehr.“

„Nicht jede Freundschaft ist für das ganze Leben gedacht. Manche sind nur für einen Teil unseres Lebens ein Begleiter. Wenn die Aufgabe erfüllt ist oder die Energiefelder nicht mehr zusammenpassen, trennen sich die Wege auch wieder. Wichtig ist, Dir bewusst zu sein, welchen Wert die Begegnung für Dich hatte. Wenn sich Wege trennen und Du in Dankbarkeit für das Miteinander bleibst, dann segnest Du das, was ihr miteinander geteilt und vielleicht auch voneinander gelernt habt.“ erklärte Noah.

Aurie dachte darüber nach. Dann meinte sie: „Lisa war immer ehrlich zu mir. Sie hat mir klar gesagt, was sie davon hielt, wenn ich mich danebenbenommen habe.“ Aurie musste schmunzeln, als sie an ihren letzten Streit dachte. „Sie konnte mit mir in der Natur sein, über die kleinen Dinge staunen und wir konnten so viel miteinander lachen. Sie war auch für mich da, als meine Großmutter gestorben ist.“ Aurie schwieg und spürte der Dankbarkeit in ihrem Herzen nach. Es war wie eine Schleife, die sich um die Freundschaft von ihr und Lisa wob. Erst jetzt merkte Aurie, dass aus der Traurigkeit über den Verlust der Freundschaft innerlich große Wertschätzung für Lisa entstanden war.

„Auch, wenn sich Eure Wege im Außen trennen, egal aus welchem Grund, kannst Du auf der inneren Ebene immer in dieser Wertschätzung und Dankbarkeit sein. Auch die Metta-Meditation[1], die ich Dir beigebracht habe, kannst Du für Freunde, die Dich nicht mehr aktiv begleiten, machen, wenn Dir danach ist. Denk daran, nur weil es keine Verbindung mehr im Außen gibt, heißt das nicht, dass es keine Verbindung mehr im Innen geben muss.“ Noah blickte ihr tief in die Augen und schwieg.

 

Nach einer Weile fuhr er fort: „Es werden immer Menschen in Deinem Leben auftauchen, die Dir helfen, Dich weiterzuentwickeln. Und Du wirst merken, dass es wichtig ist, Deine Freundschaften zu überprüfen, ob sie dir noch guttun und Dich unterstützen. Denn es kann auch sein, dass Du diejenige bist, die sich aus einer Freundschaft verabschiedet, weil sie mit Deiner Weiterentwicklung nicht mehr zusammenpasst. Folgende Fragen kannst Du Dir dabei stellen:

 

-         Kann ich bei meinen Freunden sein, wie ich wirklich bin?

-         Darf ich meine eigene Meinung haben und wird sie akzeptiert?

-         Fühle ich mich sicher und geborgen, wenn ich mit ihnen zusammen bin?

-         Sagen sie mir ihre Meinung?

-         Sagen sie mir die Wahrheit über mich, auch wenn diese unbequem sein kann?

-         Ist die Freundschaft ungezwungen und frei? Frei von Verpflichtungen oder bestimmten Verhaltenserwartungen, die verhindern, dass ich
           ich sein kann?

-         Tut mir die Freundschaft gut?

-         Werden meine Grenzen akzeptiert?

-         Unterstützt mich die Freundschaft, weiter zu wachsen?

-         Wer sieht mein Licht, meine Stärken und weiß, sie zu schätzen?

 

Wichtig ist dabei, dass Du Dir die Fragen auch über Dich selbst stellst, also auch die umgekehrte Frage, zum Beispiel können meine Freunde bei mir sein, wie sie wirklich sind? Denn es ist ebenso von großer Bedeutung, dass Du selbst eine wahre Freundin bist.“

 

Aurie wusste, was Noah damit meinte. Sie hatte ja schon die Erfahrung im Streit mit Lisa gemacht, in dem sie sich nicht als gute Freundin verhalten hatte, weil sie mit ihren Gefühlen nicht verantwortungsvoll umgegangen war. Oder auch, als ihre Freundin damals weggezogen war und ihr Ego so groß war, dass sie Gefahr gelaufen war, ihre Freundschaft zu zerstören.

 

„Es gibt noch etwas, was in der heutigen Zeit für Freundschaften sehr wichtig ist.“ sagte Noah.

Aurie horchte auf. Sie wusste, wenn Noah so etwas sagte, war es wirklich von Bedeutung.

„Es ist wesentlich, im Herzen offen zu sein und Begegnungen zuzulassen. Begegnungen unabhängig von Religion, Dialekten, Traditionen, Grenzen oder bestimmten Lebenswegen. Es ist Zeit, universelle Freundschaften zu schließen, um die Grenzen, die die Menschen in sich geschaffen haben, aufzulösen und wieder miteinander in Verbindung zu sein. Darüber wird sich ein Netzwerk wohlwollender Gedanken über die Welt ausdehnen. Jede Freundschaft, die Grenzen überwindet, wie die zwischen zwei verfeindeten Nationen, ist wichtig für die Welt. Jedes freundschaftliche Ohr, das zuhört und den anderen sieht, macht die Welt wieder ein Stück freundlicher. Es geht darum, Verständnis füreinander zu haben, auch wenn wir die Situation vielleicht nicht verstehen können. Es geht nicht mehr darum, dass eine bestimmte Gruppe, ein Stamm sich über Zugehörigkeit definieren muss, um zu überleben. Es geht um universelle Begegnungen und Verbindungen. Ein Wir, dass alle miteinschließt und eine Einheit bildet, in der alle Unterschiede sein dürfen.

Frage Dich, wie Du Freunde über alle Grenzen findest und wie Du selbst an dem Netz der Verbundenheit über alle Grenzen hinweg mitwirken kannst. Es geht darum, in Deinem Gegenüber zu jederzeit einen Bruder/eine Schwester/einen Freund sehen zu können.[2]

 

Aurie dachte über das nach, was Noah gesagt hatte. Nach einer Weile fragte sie: „Ist die Freundschaft mit meiner Freundin, die weggezogen ist, dann auch eine Freundschaft, die Grenzen überwindet, weil sie ja jetzt so weit weg wohnt?“

Noah nickte. „Ja. Auch räumliche Grenzen müssen überwunden werden. Die innere Verbindung ist das, was zählt. Wenn Du die Liebe aus Deinem Herzen zu Deiner Freundin fließen lässt – was meinst Du, hat dieser Liebesstrom für eine Auswirkung auf Regionen, über die er hinwegströmt?“ Noah zwinkerte ihr zu. „Ihr gestaltet das Netzwerk wohlwollender Gedanken, dass sich über die Welt ausdehnt, aktiv mit.“

Aurie erkannte in diesem Moment, wie eng ihr Verstand doch manchmal war. Vielleicht hatte es ja noch einen Grund, warum ihre Freundin so weit weggezogen war, den sie gar nicht fassen konnte. Sie konnte ihn nur tief in ihrem Innern erahnen.

Noah bestätigte ihr dies mit einem breiten Grinsen. „Ganz genau, liebe Aurie.“

 

Mit diesem Grinsen sprang er mit einem Satz auf, machte eine Art Verbeugung und sagte: „Also meine Liebe, sei eine wahre Freundin. Darauf kommt es an.“ Und im nächsten Moment war er verschwunden.

 

Aurie musste ebenfalls grinsen. Noahs Humor machte so Vieles leichter. Damit konnte sie auch mit ihren Eigenschaften, die sie nicht so gerne an sich mochte, wenn sie eben keine gute Freundin war und an sich arbeiten musste, viel besser umgehen. Sie nahm sich vor, noch einmal mit Lisa zu reden und ihr zu erklären, warum sie dieser Clique nicht angehören wollte, dass es für sie aber völlig ok war, wenn Lisa sich dafür entschied. Sie wollte nicht, dass Lisa sich so zerrissen fühlte. Sie wollte Lisa aber auch sagen, dass diese sich für die Anerkennung der anderen veränderte. Sie wusste, dass diese Wahrheit unbequem für Lisa sein würde. Was sie daraus machen würde, war Lisas Entscheidung. Aber als gute Freundin ist es auch wichtig, solche Dinge anzusprechen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich die Freundschaft dadurch weiter auseinanderleben würde.

Aurie stand auf und schlenderte langsam zurück ins Haus.


[1] Salzberg, Sh. (2003). Metta Meditation - Buddhas revolutionärer Weg zum Glück. Geborgen im Sein. Freiburg: Arbor.

[2] Young, T. (2025). Seelenbeben – Die Herzerleuchtung – Soulcast – Freundschaft über alle Grenzen. Onlinekurs. Younity.



© Sara Hiebl

Du darfst die Seite gerne teilen: